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Von Brighu und den Taten der
Rishis berichten uns die indischen Veden. Den darin beschriebenen „sieben
Heiligen Rishis“ wurde eine ganz außerordentlich große spirituelle Macht
nachgerühmt. So war es ihnen unter anderem möglich, in der Akasha-Chronik –
im Abendland wohl eher als „Weltgedächtnis“ bekannt – zu lesen; das heißt,
sie konnten sich in einer (spirituellen) Position außerhalb dessen befinden,
was wir unter Raum und Zeit verstehen, das bedeutet, dieses Kontinuum in
seiner Gesamtheit also von außen betrachten.
Der Überlieferung zufolge
nutzten Brighu und seine Gefährten ihre spirituellen Fähigkeiten unter
anderem dazu, aus der Akasha-Chronik die Lebensläufe von mehreren Millionen
Menschen zu lesen und schriftlich auf den getrockneten Blättern der
Stechpalme zu fixieren. Das gesamte Leben dieser Menschen, von der Geburt bis
zum Zeitpunkt ihres Todes, wurde auf den Palmblättern in Alt-Tamil, einer
Sprache, die heutzutage nur von wenigen Eingeweihten beherrscht wird, bzw. in
Sanskrit in eng geschriebenen Zeichen eingeritzt. Ein solches Palmblatt
überdauert im Normalfall etwa 500 bis 800 Jahre. Wenn es alt und brüchig
geworden ist, fertigt man eine Abschrift des Textes auf einem neuen Palmblatt
an.
Jeder, der erfahren möchte,
was das Schicksal für ihn bereithält, muß sich jedoch selbst nach Indien in
eine der Palmblattbibliotheken bemühen.
Ich erfuhr 1993 von diesen
rätselhaften Bibliotheken durch die Fernsehsendung „Phantastische Phänomene“.
Ich wollte es genau wissen und machte mich mit meinem damaligen Freund,
Thomas Ritter, an die Vorbereitung einer Reise nach Indien – dem Land der Märchen
und Wunder, der Geheimnisse und ungelösten Rätsel. Waren die Berichte über
die Palmblattbibliotheken auch nur Märchen aus Tausendundeiner Nacht des
Orients, oder würde uns vor Ort ein kleines Wunder erwarten?
Am 14. August 1993 schließlich
kämpften wir uns mit einer Motorrikscha durch das morgendliche Gewühl im
Straßendschungel von Madras und erreichten nach einstündiger Fahrt die in
East Tambaram, einem Vorort von Madras, gelegene Palmblattbibliothek. Der
Palmblattleser R. V. Ramani bat uns herein. Sein Nadi-Reading (so nennt man
das Lesen des Palmblattes) dauerte etwa 50 Minuten. Die Palmblattbibliothek
von Mr. Ramani führt ihrem Ursprung auf den Rishi Kakabujandra zurück.
Basis des Nadi-Readings ist
die Lehre vom Shuka-Nadi. Diese Lehre beruht auf der Wahrnehmung von
Vergangenheit und Zukunft jenseits unseres herkömmlichen Raum-Zeit-Begriffes.
Darauf aufbauend, soll das Shuka-Nadi eine lebensberatende Funktion
ausfüllen, das heißt, es soll helfen, die eigentliche Bestimmung seiner
derzeitigen Inkarnation zu finden.
In der Palmblattbibliothek von
Mr. Ramani gibt der Ratsuchende zunächst seinen vollständigen Namen und sein
Geburtsdatum an. Das Orakelhafte der Zeremonie beginnt spätestens in dem
Augenblick, in dem der Besucher neun polierte Muscheln (gleich einem
Würfelspiel) über einem Mandala werfen muß, das in einen kleinen Teppich
gestickt ist. Danach sucht der Nadi-Reader die im Zentrum des Mandalas
liegenden Muscheln heraus. Ihre Zahl, verbunden mit den bereits genannten
Daten, bildet die Information für das Auffinden des persönlichen Palmblattes
unter Tausenden und Abertausenden von Palmblattmanuskripten. Mr. Ramani
schaffte es in ca. 5 Minuten, „mein“ Palmblatt herauszusuchen. Das
Nadi-Reading für Einheimische läuft etwas anders ab. Mr. Ramani liest den
Anwesenden vom Palmblatt in einer Art Sprechgesang vor, wobei er den Inhalt
der Texte aus dem Alt-Tamil in die heutige lokale Umgangssprache überträgt.
Wir stellten fest, daß sich Mr. Ramani während dieser Zeremonie in eine Art
Trance versetzte.
Für uns Ausländer allerdings
übersetzt Mr. Ramani den Text lediglich ins Englische und trägt dies vor.
Leider verstand ich zu diesem Zeitpunkt kein Wort Englisch, so daß ich mich
auf die Übersetzung von Thomas verlassen habe. Zuerst wurden Fakten aus der Vergangenheit
genannt. Dies waren überaus exakte Informationen und genaue Daten
(beispielsweise das Datum jenes Tages, an dem ich Thomas kennengelernt
hatte), teilweise sogar aus früheren Inkarnationen (!). Nachdem ich diese
Angaben weitgehend bestätigen konnte, berichtete er von meiner Zukunft.
Das Nadi-Reading bei Mr.
Ramani war kostenlos, es wurde nur um eine Spende für Arme gebeten. Mr.
Ramani sagte, daß er das Nadi-Reading als heiligen Auftrag sieht und deshalb
kein Geld für sich persönlich nimmt.
Nach der Zeremonie war ich von
der Echtheit des Nadi-Readings zumindest in diesem Fall überzeugt. Doch
genügte das als Beweis? Es gab nur einen Beweis – die Palmblätter selbst. Und
so wagte ich das Unmögliche und bat den Nadi-Reader um meine Palmblätter.
Und das Unglaubliche geschah.
Mr. Ramani öffnete erneut die zu Bündeln zusammengeschnürten
Palmblattmanuskripte, entnahm ihnen jene Palmblätter, welche mein Schicksal
betrafen, und übergab sie mir.
Deren Übersetzung gestaltete
sich jedoch in Europa bei weitem langwieriger und komplizierter als
angenommen – dennoch wurde mir im Ergebnis mitgeteilt, daß es sich bei den
Manuskripten in der Tat um meinen persönlichen Lebenslauf handelt, in denen
mein Name und andere personenbezogene Daten enthalten sind, und die den
Verlauf meines Lebens detailliert beschreiben.
Ferner ließ ich unabhängig von
den Ergebnissen der Übersetzung eine Altersbestimmung der Palmblätter mittels
einer C-14-Analyse vornehmen. Diese Analyse ergab, daß die untersuchten
Palmblätter älter als 350 Jahre sind.
Um den Wahrheitsgehalt des
Nadi-Readings zu überprüfen, suchten Thomas und ich eine weitere
Palmblattbibliothek in Bangalore, im indischen Bundesstaat Karnataka auf.
Dabei stellten wir fest, daß der Inhaber der Palmblattbibliothek, Mr. Gunjur
Sachidananda Murthy, nach einem strengen Terminplan arbeitet. So war es uns
damals trotz mehrmaliger Anfragen nicht möglich, einen Termin für ein
Nadi-Reading zu erhalten, da der Kalender von Mr. Sachidananda bereits
vollständig ausgebucht war. In diesem Zusammenhang erscheint besonders
erwähnenswert, daß die Palmblattbibliothek in Bangalore stärker von Personen
aus Europa und Fernost frequentiert wird, weniger von Indern. Dies ist jedoch
kein Maßstab für die Qualität der abgehaltenen Readings, wie wir auf unserer
2. Indienreise im Juli 1995 erfahren durften.
Das Palmblatt wird in
Bangalore nach seinem Auffinden ebenso dem Ratsuchenden vorgelesen, wie dies
in Madras geschieht. Nähere Informationen zur Lesung in Bangalore erhalten
Sie in unserem Kapitel: Informationen zur Palmblattbibliothek. Die Texte
unserer Palmblätter in den Bibliotheken von Madras und Bangalore stimmten in
ihren Aussagen nicht nur überein, sondern korrespondierten vielmehr
miteinander, in dem Sinn, daß die Aussagen des Nadi-Readings in Bangalore
jene von Madras ergänzten und umgekehrt.
Die Palmblattbibliothek von
Bangalore befindet sich schon geraume Zeit im Besitz der Familie
Sachidananda, soll in Ihrem Ursprung jedoch auf den Rishi Baghawan Sri Shuka
Maharshi, einen Gefährten Brighus, zurückgehen. Die Tätigkeit des Nadi –
Readers übte in den letzten Jahrzehnten zunächst der Vater Mr. Sachidanandas
aus, nach dessen Tod sein älterer Bruder, der allerdings bereits im Alter von
nur 39 Jahren verstarb und nunmehr Gunjur Sachidananda selbst.
Selbstverständlich bat ich
auch in dieser Bibliothek um Palmblätter, leider aber ohne Erfolg. Uns wurde
beschieden, daß es nicht üblich sei, Besuchern „ihre“ ganz persönlichen
Palmblätter zu überreichen. Diese Praxis ist dadurch bedingt, daß die Palmblätter
eines Bündels in der Bibliothek von Bangalore fortlaufend beschrieben sind,
so daß sich die Lebensläufe der Klienten auf zwei, drei oder mehr Palmblätter
verteilen. So blieben mir nur einige Fotos der Palmblätter. Diese Palmblätter
von Bangalore wurden letztmalig vor etwa achtzig Jahren kopiert und sind in
Sanskrit verfaßt.
Auf unserer 2. Indienreise im
Juli 1995 suchten wir auch noch die weniger bekannte Palmblattbibliothek von
Mr. Balasubramaniam in Kanchipuram auf. Der Meister selbst weilte zwar nicht
in der Stadt, seine Assistenten aber wußten nicht nur von der interessanten
Geschichte der Palmblattbibliotheken zu berichten, sondern waren auch bereit
ein Nadi-Reading für uns abzuhalten. Nähere Informationen zur Lesung in
Kanchipuram erhalten Sie in unserem Kapitel: Informationen zur
Palmblattbibliothek.
Die Palmblattbibliothek von
Kanchipuram gehört wohl zu den ältesten ihrer Art und wird traditionell
geführt. Die künftigen Nadi-Reader leben und arbeiten wie Familienmitglieder
im Hause des Meisters und werden von diesem im Lauf von 10 Jahren in der
Kunst des Nadi-Readings unterwiesen. Fühlt der Meister seinen Tod nahen, so
bestimmt er einen Nachfolger, welcher dann die Leitung der Bibliothek und die
weitere Ausbildung der übrigen Schüler übernimmt.
Siddharta, unser Nadi-Reader,
berichtete, daß er schon mehr als ein Dutzend Jahre bei Mr. Balasubramaniam
lebt. Seit acht Jahren praktizierte er das Lesen der Palmblätter selbst,
anfangs noch im Beisein und unter Anleitung des Meisters, inzwischen arbeitet
er selbständig. Dennoch ist die Interpretation der alten Texte ein ständiger
Lernprozess, nicht nur für den Ratsuchenden, der hier Auskunft über sein
Schicksal erhält, sondern auch für den Nadi-Reader, der seine Fähigkeiten von
Reading zu Reading ständig vervollkommnet, um die Meisterschaft und damit
auch Moksha (Erlösung) erlangen zu können.
Die Kunst des Nadi-Readings
ist wohl bereits seit Jahrtausenden fest in die Hindu-Religion integriert. So
waren die Palmblätter in Kanchipuram, welche Auskunft über unser Schicksal
gaben, ca. 700 Jahre alt. Die Bibliothek selbst soll ein noch höheres Alter
haben. Eine genaue Jahreszahl erfuhren wir nicht, jedoch versicherte man uns,
die Bibliothek sei mindestens so alt wie der Vishnu geweihte
Vaikunthanatha-Tempel in Kanchipuram. Dieser Tempel wurde bereits um das Jahr
700 n. Chr. fertiggestellt.
Als Zentrum der Kunst des
Shuka-Nadi galt ursprünglich die alte Stadt Trichy. Dort soll auch der
erleuchtete Rishi Agasthya, welcher auch als Bringer der tamilischen Sprache
gilt, mittels einer eigens dafür geschaffenen Schriftsprache die Urtexte
jener Palmblätter angefertigt haben, deren Kopien in Kanchipuram für die
Ratsuchenden bereitliegen. Das Nadi-Reading in Kanchipuram wird in der
Tradition des Shuka-Nadi von Trichy abgehalten. Siddharta versicherte mir,
daß heute in der Bibliothek die Lebensläufe von etwa 500.000 Menschen
aufbewahrt werden.
Auch die Aussagen der
Palmblätter in Kanchipuram waren sehr exakt und stimmten mit denen aus Madras
und Bangalore überein, wobei natürlich nicht eine buchstäbliche, sondern
sinngemäße Identität gemeint ist.
Nun sind inzwischen seit
meinem ersten Besuch der Palmblattbibliothek in Madras viele Jahre
verstrichen und inzwischen habe ich noch einige Palmblattbibliotheken
aufgesucht. Interessant war für mich vor allem der Aspekt, die 7
Hauptbibliotheken miteinander zu vergleichen. Jede dieser Hauptbibliotheken
soll mit Texten je eines Richis bestückt sein. Bei den Lesungen stellte ich
fest, dass die Schwerpunkte der Aussagen bei der Palmblattbibliothek andere
Gewichtigkeiten haben. So sind die Bibliotheken des Rishis Agasthya mehr auf
Aussagen über materielle Themen und der Karmaauflösungen ausgerichtet, die des Rishis Maharshi
dagegen sind stärker auf die Lebensaufgabe fixiert.
Meine weiteren Erfahrungen mit
den Palmblattbibliotheken können Sie in meinem Buch „Wege des Schicksals –
Phänomen Palmblattbibliotheken“ nachlesen!
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